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4 X 1

Matthias Böhler - Felix Burger - Charlotte Simon - Joscha Steffens

Vier Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung

Pressetext

 

Pressetext zur Ausstellung 4 X 1
26. Juni - 15. August 2009

  Ausstellung: 4 X 1
Vernissage: Freitag, den 26. Juni 2009, 19.00 – 22.00 Uhr
Ausstellungsdauer: 27. Juni bis 15. August 2009

Die Galerie Heinz-Martin Weigand präsentiert in der Gruppenausstellung 4x1 künstlerische Werke dreier Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volkes sowie eines Förderpreisträgers des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Die vier jungen Künstler studier(t)en an verschiedenen Hochschulen, sie arbeiten mit unterschiedlichen Medien, und haben außer besagter Auszeichnung auf den ersten Blick wenig Parallelen.
Im genaueren Betrachten der künstlerischen Arbeiten bildet sich jedoch ein gemeinsamer Schwerpunkt heraus. Alle haben ein Interesse an der Thematisierung von Inszenierung bzw. an der Auslotung sogenannter „Realität“ entlang der sensiblen Grenze zur Fälschung, Manipulation und anderen Varianten der Sabotage von Wirklichkeiten.

Die Zeichnungen und Installationen von Matthias Böhler behandeln ein Schüren und gleichzeitiges Zerstören von romantischen Sehnsüchten nach Idylle.
Inhaltlich beschäftigt ihn das prekäre Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur.
Für seine Modellwelten benutzt er naturbelassene oder bearbeitete Materialien aus dem Baumarkt und Alltag, Produkte unserer konsumierenden Gesellschaft. Diese baut er zu illusorischen, ironischen Räumen und Projektionsflächen aus, in dem er sie mit sparsamen Gesten zusammensetzt und gleichzeitig deren spezifischen Materialeigenschaften nutzt.
So wölbt sich bei „Fondor“ die Plattform der Bohrinsel der Neigung des MDF’ s entsprechend hin zum Plattenmeer, auf dem sich das auslaufende Öl in Bahnen zu Seen formiert, zu Fondortteppichen.
Licht spielt in einigen von Böhlers Arbeiten eine große Rolle zur Erzeugung von unheimlichen Stimmungen. Dazu verwendet er Schreibtischlampen, die er an die Sockel seiner Installationen montiert. Sie haben den Effekt von Scheinwerfern oder Flutlichtern. Bei der Arbeit „Forst“ werfen sie ihr Licht durch die dürren, mit Hausstaub belaubten Bäume, deren Schatten sich auf eine karge Styropor-Landschaft legen. Von Weitem scheinen seine Skulpturen und Zeichnungen romantische, ästhetisch inszenierte Idyllen zu sein, die jedoch beim Herantreten einer Desillusionierung weichen müssen, sich zu Persiflagen und Kommentaren unseres kulturellen Umgangs mit der Natur verwandeln.

Matthias Böhler studierte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und besucht zurzeit die Akademie der Bildenden Künste Wien.

Felix Burger orientiert sich in seiner künstlerischen Arbeit an Träumen und konstruierten Erinnerungen. Seine Videos und Skulpturen thematisieren den fließenden Übergang von intellektbestimmter Realität in die vom Unterbewusstsein kreierte Fiktion. Der Künstler findet großes Vergnügen am Erfinden von Biografien, am kunstfertigen Fälschen von Dokumenten und manipulierten Fotografien.
Präsentiert werden die Ergebnisse dieser Leidenschaft in provisorisch und minimalistisch gebauten Kästen, die allein nach Innen ausgerichtet sind, und auf die sich der Besucher einlassen muss – durch ein Loch oder eine kleine Tür – um in Burgers Welt zu gelangen. Hier öffnen sich phantasievolle, (alb-)traumhafte Szenarien, thematisch angesiedelt im bürgerlichen Ambiente, was der Künstler anhand von Stuckelementen, Teppichen und Parkettböden andeutet. Burger setzt dramaturgisch auf Ton- und Lichteffekte, die er häufig mit nur einzelnen gezielten Gegenständen kombiniert, um seine charakteristischen ambivalenten Stimmungen zu erzeugen. Felix Burger bewegt sich auf seine Weise scheinbar mühelos durch die Vergangenheit, konstruiert sie immer wieder neu.

„Seine Arbeit „Burgers Geisterbahn“, ein von aussen pragmatisches Holzplattengehäuse, implodiert nach innen in der opulent-wuchtigen Erzählung einer fiktiven Geisterbahn. Felix Burger benennt sich selbst als Direktor und zeigt in diesem rot-musealen Raum ein Sammelsurium von manipulierten Fotografien, fiktiven Einrittskarten, absurden Geräuschen, gefakten Briefen und konstruierten Erinnerungen. Es ist ein klaustrophobischer Raum, der neben der Vermischung von Realität und Fiktion, neben der obsessiven Beschäftigung mit einer kulturellen Hybridform, dennoch auch Humor in sich trägt. Es ist eine intellektuelle und dunkle Ironie, die sich an der Welt reibt. Damit befindet sich dieses Kunstwerk in bester valentinesker Tradition, einer Tradition der subversiven Wahrnehmungsverschiebung.“ Stephan Huber

Felix Burger studierte Kunstgeschichte und Philosophie an der Ludwigs-Maximilians-Universität in München sowie Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München und Neue Medien an der Akademie der Bildenden Künste Wien

Auch Charlotte Simon interessiert sich für die künstlerische Selbstinszenierung. Sie bewegt sich im wahrsten Sinne des Wortes im Medium Video.
Kurze Filmszenen aus Musicals, Videoclips, Heimatfilmen etc. bilden dafür die Montagefläche. Sie isoliert, übermalt Passagen, stellt Szenen nach oder erzählt sie neu, kommentiert, spielt und tanzt mit den Protagonisten im Video.
Der Film bietet ihr eine enorme Bühnenlandschaft, auf der sie, losgelöst von realem Raum, agieren und manipulieren kann. Die Künstlerin inszeniert sich selbst in ironisch dilettantischen, pathetisch angelegten Rollen. Die Musik zu den Clips komponiert sie selbst oder spielt sie live ein. Ihre Videocollagen setzt die Künstlerin durch den Bau von Kulissen in den Ausstellungsraum fort. So dienen ihr diese attrappenhaften Konstruktionen als Projektionsflächen und zitieren in zweiter Ebene Elemente aus dem jeweiligen Filmstreifen, Bühnenarrangements, durch die sich der Besucher als Publikum bewegt.
Ein sehr interessanter Aspekt ihrer künstlerischen Arbeit ist die Thematisierung des Scheiterns, das sie in ihren Clips in Varianten durchlebt und herausfordert, in gespielter Sehnsucht nach ‚Fame’, Harmonie und ewiger kindlicher Phantasie.

Charlotte Simon studiert Freie Kunst an der Akademie Mainz und ist derzeit Gaststudentin bei Prof. Judith Hopf an der Frankfurter Städelschule

Joscha Steffens befasst sich mittels der Fotografie mit Fragen der Authentizität und ihren Angriffsflächen. Ihn interessiert jedoch, anders als bei Simon und Burger, eine unsichtbar angelegte Intervention. Seine Bilder zeigen Momente, wie sie waren oder gewesen sein könnten. Der Künstler mischt dokumentarische und inszenierte Aufnahmen und löst diesen Grat bewusst nicht auf. Er fasziniert sich für das weite Spannungsfeld zwischen gefundener Flüchtigkeit, Inszenierung und digitaler Bildbearbeitung, das ihm dieses Medium bietet.

In seinen neueren Fotoarbeiten thematisiert er Verhaltensweisen von Jugendlichen, einer Gruppe, die – geprägt von der allgegenwärtigen Präsenz medialer Bilder –darauf verfährt, sich selbst zu inszenieren. Es scheint ein unausgesprochener Zwang zur Dauerparty und zum Exzesshaften zu existieren, paradoxerweise mit einer gleichzeitigen Zurschaustellung von Langeweile, resultierend aus einem gewissen Wohlstand, einer Überforderung mit der Vielfalt an Möglichkeiten und fehlenden Idolen (Jeder ist ein Star). Also verharren seine fotografierten Jugendlichen in Posen der schier endlosen, gefühlten Banalität der Realität.
Sei es die Fotografie „Pornonauten“, auf der fünf Teenager in einem Hinterhof abgebildet sind, die gerade vergeblich versuchen, einen Porno zu drehen. Die Protagonisten wirken relativ unambitioniert, vielleicht schon ahnend, dass der erhoffte Kick dadurch nicht kommen wird.
Oder „Sylvia“, ein im Bett liegendes Mädchens in einem abgedunkelten Zimmer, an dessen Wände undefinierbare Fotos und Poster hängen. Die Szene lässt sich dadurch nicht einordnen, nur das Doors-Plakat bietet einen irritierenden Verweis auf diese Generation, die nicht mit den Idolen ihrer Eltern brechen musste und noch auf der Suche ist nach neuen, radikaleren Stellvertretern eines Lebensgefühles.
Das gefühlte Dilemma dieser Teenager transportiert der Künstler durch eine gewisse Beliebigkeit und Austauschbarkeit der Protagonisten und Orte seiner Fotografien, wie etwa bei der den drei Frauen in “Strandbar“, einer Szene, die an vielen Stränden hätte fotografiert sein können. Auf den ersten Blick scheinen sich Steffens Fotografien nicht auffallend von den im Internet zirkulierenden Handy-Snapshots zu unterscheiden, mit denen Jugendliche Ihr Feiern und ihren Alltag dokumentieren. Auf den zweiten Blick ergibt sich jedoch eine vielseitige Verschiebung, gesteuert durch Steffens Dramaturgie des Lichts, der Komposition des Bildes und dem gezielten Einsatz von Accessoires.

Joscha Steffens studierte an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und besucht derzeit die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig

 

 

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