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Chantal Michel - Über Chantal Michels Werk

Für Chantal Michel steht fest, dass Kunst nicht etwas ist, das ausserhalb liegt, sondern die eigene Person und den Körper betrifft. Das Medium, in dem sie sich inszeniert, sind Video, Performance und Photo. Zunächst arbeitete sie plastisch in Gips und Keramik. 1997 sah sie sich mit diesem Plan in eine Sackgasse geraten. Sie verharrte ­ und entdeckte im Werk von Bruce Naumann den Ausweg. Warum in fremden Formen nach Korrespondenzen suchen? Bietet nicht das eigene Dasein genügend Stoff für Kunst? Es muss nicht einmal etwas Besonderes passieren, denn die Grund-elemente sind jederzeit verfügbar. Der Körper stellt die Farbe, ein beliebiger Raum die imaginäre Leinwand, die Stimmung des Augenblicks das Thema. Ihr bisheriges Werk lässt eine konsequente Entwicklung erkennen. Die Filmsequenz des Videos besteht aus einer Kette unbewusst produzierter Einzelbilder, die Augenblicke der Verschmelzung mit dem Raum festhalten und autonomen Charakter tragen. Allmählich beruhigt sich die Handlung: das einzelne Bild wird gesucht. 1999 folgen Performances, die einem Tableau Vivant gleichen. Die Künstlerin arrangiert ihren Körper in einem gewählten Environment, sie verfremdet ihre Anatomie und führt symmetrische Stellungen aus, die sie in einem Gegenstand oder Gewächs angleichen. Aus den Performances sind noch im gleichen Jahr bedeutende Zyklen von grossformatigen Photographien entstanden. Es sind äusserst wertvolle Kompositionen, in denen Chantal Michel sich zu einem Teils des Interieurs verwandelt, sei es, dass sie mit den Armaturen einer Fabrik verschmilzt, oder mit einem Lampenschirm verwächst. Auch ihr Rückenakt auf einer Säule des Hôtel Scribe, der Erinnerungen an Ingres und Magritte weckt, kann nur als Form in einem letztlich abstrakten Bild verstanden werden. Was ist die tiefere Bedeutung, falls es eine gibt? Man ist versucht, in den Bildern Aussagen zur condition humaine und zur Stellung der Frau im besonderen zu erkennen: märchenhaft-autistischer Wesen, die sich gegen die Unterjochung der Sachwelt auflehnen, indem sie mit ihnen spielerisch-ironische Verbindungen eingehen. Es sind Auswege aus dem Alltag, wie sie die Kunst und die Kindheit aufzeigen. Beide verwandeln, ohne dass den Gegensätzen Gewalt widerfährt. Wesensmässig Fremdes und selbst Abstossendes wird tänzelnd assimiliert. Chantal Michel möchte die Banalität und Trostlosigkeit der Räume, in denen sie sich einlebt, weder dominieren noch ihnen entfliehen. Besser als dagegen kämpfen, ist mit ihnen eins zu werden. Die Kunst erlaubt es ihr, sich überall wohlzufühlen. Das Ganze ist ein Spiel, aber ein bis ins kleinste Detail berechnetes ­ und es funktioniert.

Norberto Gramaccini, 2001

   
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