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Text zur Werkgruppe To inhabit a Place, 2005 |
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To Inhabit A Place Malen ist bei Leta Peer ein im Vergleich zur Fotografie langsamer, doch stets initialer Prozess. In ihm vollzieht sich der ursprüngliche Transfer ihrer Bildvorstellungen in gültige Bildformulierungen, die erste Umsetzung von Bild-Ideen in Kunst. Dass diese Haltung – ein grundsätzlich malerisches, in Bildern angelegtes Denken also – zwangsläufig auch ein malerisches Empfinden mit sich bringt, das auch in den fotografischen Arbeiten der Künstlerin seinen Niederschlag findet, liegt nicht nur theoretisch auf der Hand. Es wird bei der Betrachtung ihrer Arbeit insgesamt ganz augenscheinlich. Leta Peers Fotografien reflektieren, befragen und kontextualisieren das eigene Arbeiten und künstlerische Agieren als einen Gesamtentwurf, der sich in gemalten und fotografischen Bildern gleichermaßen vollzieht. Die Fotografie wird innerhalb dieses Entwurfs quasi zu einem Modus ihrer Malerei. Die Neigung der Künstlerin zur Installation ihrer Arbeiten – und im Falle Leta Peers kann man tatsächlich von Installation sprechen – in einem außermusealen, bzw. nicht professionell gewohnten, Präsentationsumfeld ist evident. Umso mehr gewinnt für sie das jeweils veränderte, aus den konkreten topographischen Vorgaben sich immer wieder neu ergebende Verhältnis von Bild und Umfeld an Bedeutung: Als ein Überprüfungskriterium der Wirkweise der eigenen Malerei zum einen, sowie als bewusst herbeigeführte, kontextuelle Erweiterung der Präsentation ihrer Bilder, die dem Betrachter, aber auch der Künstlerin selbst, eine immer wieder überraschend neue, konzentrierte Form der Wahrnehmung ermöglicht. Das gemalte Bild wird im fotografischen Bild zum Bestandteil eines Raumkontinuums, in den das Gemälde überstellt wird, der Raum und seine Koordinaten aber umgekehrt seinerseits wiederum zum eigentlichen »Rahmen« des Bildes. Beide Ebenen verschränken und durchdringen sich in den Fotografien Leta Peers zu neuen, übergeordneten, autonomen Bild-Kompositionen: In diesem Sinn sind ihre Fotografien tatsächlich fotografische Bilder. Den ersten Impuls zu der To Inhabit A Place betitelten Werkserie, der sich im Frühsommer 2005 ergab, als Leta Peer nach Augsburg reiste, um die Räume für das hier geplante Ausstellungsvorhaben zu besichtigen, beschreibt die Künstlerin so: »Die Neue Galerie im Höhmannhaus befindet sich unmittelbar neben dem Schaezlerpalais in Augsburg, das zur Zeit meines Besuches im großen Stil restauriert wurde. Durch glückliche Umstände fand ich Einlass ins Palais und fand mich in einer eigenartigen Baustelle wieder. Trotz der baubedingten Schutzmaßnahmen, den Plastikabdeckungen und leergeräumten Sälen war die unglaubliche Pracht,welche sich hinter den Planen verbarg auf eigentümliche Weise spürbar. Jedoch würde eine Wiederbelebung der verhüllten Räume deren momentanen melancholischen Reiz nicht preisgeben wollen. Dies bewog mich, die leeren Säle zum Hintergrund meines malerischen Arbeitens zu machen.« Die Fotos, die die Künstlerin in der sanierungsbedingten Baustelle des Schaezlerpalais, eines in seiner originalen Bausubstanz nahezu vollständig erhaltenen Rokokopalais des 18. Jahrhunderts, aufnahm, konfrontierte sie mit ihren Gemälden Schweizer Berglandschaften, die sie ins Palais versetzte, um einen höchst eindrucksvollen Dialog von gemalten und fotografischen Bildern, von Natur und Kultur herbeizuführen. Eine merkwürdig betörende, verbal kaum fassbare melancholische Poesie, die den Gemälden Leta Peers latent innewohnt, ist auch in diesen neuen Fotoarbeiten von ausgeprägter Natur. Der Begriff der irritierenden Schönheit – so inflationierend häufig er in anderen Zusammenhängen bereits angewandt worden sein mag – ist für diesen Werkkomplex die vielleicht treffendste Umschreibung. Irritierend zeigt sich die To Inhabit A Place-Serie, weil die in ihr auftretenden Berglandschaften des Schweizer Engadin, der Heimat der Künstlerin, weder thematisch noch motivisch in die Umgebung des Schaezlerpalais »passen«. Und schön zugleich, weil sie sich hier mit einer Selbstverständlichkeit einfügen, die a priori suggeriert, dies sei der einzig vorstellbare, geradezu ideale Ort ihrer Präsentation. Womit mag dies zusammenhängen? Leta Peers Annäherung an Orte ist nicht nur eine räumliche, sondern eine wesenhaft emotionale. Sie sucht ungewöhnliche Örtlichkeiten nicht allein im Sinne eines architektonisch-räumlichen Interesses an den jeweiligen Gegebenheiten auf, sondern lässt sich auf Situationen ein. Schon frühere Projekte belegen diese Vorgehensweise. So bat die Künstlerin in den Borrowed Places (2000/2001) während eines New York-Aufenthaltes Freunde und Bekannte, sich ein kleinformatiges Bild aus ihrem Atelier auszuwählen und im privaten Umfeld aufzuhängen, -zustellen oder zu bewahren,wo Leta Peer es dann fotografierte. Auch in GIFT (Gemalt Installiert Fotografiert, 1998 – 2000), einem über einen längeren Zeitraum angelegten Werkprozess, installierte die Künstlerin ihre Gemälde für kurze Zeit an sehr unterschiedlichen Orten, u. a. in der Bahnhofshalle der Grand Central Station in New York, um dann die jeweilige Situation zu fotografieren. Vor dem Hintergrund dieser Vorgehensweise gewinnt der jeweilige räumliche Kontext eine neue Dimension, er entfaltet und erweitert sich zum emotionalen Horizont, in den hinein sich zu versenken Leta Peer imstande ist, ohne sich aus einer Perspektive selbst auferlegter konzeptueller Vorgaben wirklich zu begrenzen. Es sind also nicht in erster Linie die räumlichen Abmessungen, Begrenzungen, Architekturen der Orte, sondern ihr situativer Charakter, ihr momentanes Eigenleben, in das sich die Künstlerin selbst mit einbezieht und das sie so zum eigentlichen Zentrum ihres Interesses werden lässt. Oder verknappter: Der emotionale Gehalt des Ortes definiert die Form seiner konkreten Erfahrung. Auch dies mag ein Grund für die geradezu feierliche Monumentalität selbst der miniaturhaft kleinen Berglandschaften Leta Peers sein, »dieser verdammten Berge«, wie sie sagt, die sie immer wieder aufsucht und die in ihren Bildern nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich als Orte der Stille erscheinen. Als gemalte Einschlüsse einer zutiefst existenziellen Verarbeitung von Freude und Leid, die so vieles erzählen und doch nichts davon preisgeben. Eine große innere Ungebundenheit an (diese) Orte und eine ebenso große Präzision, ja Innigkeit der Annäherung an sie zeichnen sich hier zur gleichen Zeit ab. Bezogen auf Leta Peers künstlerisches Denken im Ganzen, erschließt sich vor allem hier der Gedanke Alain de Bottons, dem Projekt und Werkreihe ihren Titel entlehnen: »It seems we may best be able to inhabit a place when we are not faced with the additional challenge of having to be there.« Thomas Elsen |
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