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Leta Peer Second Sunday
von Eva S. Sturm 1998, New York, Wien, New Museum, Departement of Education, New York

klicken um zu vergrößern: Leta Peer, Berge, Mittelformat, 2001, Öl auf Holz

In der Filmgeschichte hat das Closeup alles verändert. Davor existierte nur die statische schwerfällige Kamera-Apparatur, welche das ganze Bild, die vollständige Bühnensituation wiedergab. Mit der Erfindung des Closeups, wurden die Bildergeschichten zerbrochen. Die Kamera rückte näher und begann Sprünge in Raum und Zeit zu vollziehen, die das Auge naturgemäss nicht machen kann. Sie übernahm den Blick, um an unserer Stelle den Kontext und die Geschichte zu bauen. Der ganze Aufwand und der ganze Zauber bestand in der Folge darin, der/dem Zuschauer/in nicht merken zu lassen, dass jemand anderer an ihrer/seiner Stelle sah. Alles soll seit damals so wirken, als hätte man die Geschichte mit den eigenen Augen gesehen, als wäre man selbst dabei gewesen.

Die neuen Bilder von Leta Peer kann man ebenfalls als Closeups bezeichnen. Sie gleichen weniger fotografischen Schnappschüssen von Augenblicken, als aus Erzählver!äufen herausgeschnittenen Einzelbildern, denen der in Raum und Zeit veran-kerte Kontext noch in aller Präsenz spürbar nachhängt. Das Zoom wurde gerade erst betätigt. Vor wenigen Sekunden erst, sind diese Gesichter nähergerückt, haben sich in unserer Aufmerksamkeit einen Platz erobert, um sich vielleicht im nächsten Moment wieder von uns wegzubewegen, um als Nachbilder vor dem inneren Auge erhalten zu bleiben. Oder auch, um im Nichts zu verschwinden. Leta Peer hat genau diesen Moment des Aufmerksam-Werdens für ein Gesicht erfasst. Genau den Moment, in dem etwas - oft aus ganz unerfindlichen Gründen - unvermutet aus dem Fluss der Wahrnehmbarkeiten auftaucht, um sich in den täglichen Gedankenfluss einzuschleusen.

Der Anfang jedes der Projekte von Leta Peer liegt in diesem Sinne im Sammeln und Auflesen. Ihre Fundorte sind die wechselnden Städte, in denen sie lebt und die uns alle umgeben, sich monoton wiederholenden lmages aus Zeitschriften, Magazinen, von Werbeflächen. Im vorliegenden Fall war, es wie sie sagt, der Ausdruck der Gesichter, der sich zur Aufforderung formierte, sie eingehender zu erforschen. Die Forschungs-arbeit fand - wie in den meisten Arbeiten Peers - auf der Ebene der Malerei statt. Mit grösster Aufmerksamkeit und technischer Fertigkeit arbeitete sie sich an der Ober-fläche entlang, um sich ganz auf die klassischen malerischen Kategorien von Licht, Schicht und Farbe zu konzentrieren. Und ohne dabei das geringste zu verraten, verwandelte sie durch diesen Prozess der Ent-Schleunigung des Sehens die entkon-textualisierten Fundstücke in potentielle Träger von Geschichten zurück. Sie gibt ihnen die Möglichkeit, im ununterscheidbaren täglichen Bildergetöse eine Rolle zu spielen. Ich bin jemand, scheinen die Gesichter zu sagen, sieh mich an.
Bei all dem bleibt Leta Peer Zuschauerin. Sie analysiert nicht, sie interpretiert und wertet nicht, sie vervollständigt die Geschichten nicht. Sie zeigt einfach, was da, was der Fall ist. Dies zu tun, ist mehr und kunstvoller, als das Zoom im nächsten Mo-ment zu betätigen, um die Geschichte in der Totale zu präsentieren. Das mehr besteht in der Freilegung des Mechanismus, wie wir sehen, wie wir wahrnehmen und wie wir - indem wir Geschichten bauen und permanent Zusammenhänge erfinden - zu ver-stehen meinen. Anders gesagt, Peer macht klar, dass das Zoom, auch wenn es noch so nahe an die Gesichter herangerückt wird, um sie in fast indiskreter Weise nach dem, was sie zeigen und verbergen, zu begreifen, die Sache immer mehr in eine Unbegreifbarkeit zurückweicht. Wir stehen herangezerrten Gesichtern gegenüber, die schweigende Rätsel sind und die Grenzen des Erkennens demonstrieren. Niemals entbirgt die Oberfläche ganz, was sie verhüllt, der Vorhang ist mit keinen Mitteln voll-ständig zu lüften, denn der Vorhang ist das Gesicht.

In Wahrheit ist es sogar gerade so, als würden die Gesichter den Spiess längst umge-dreht haben, um selbst anzufangen, zurück zu blicken. Sie drängen aus ihren Ausschnitten auf uns zu, als würden sie etwas von uns wollen. Sie haben uns an sich herangezoomt, um von uns und unseren Gesichtern Besitz zu ergreifen. Sie sagen:
Schau her, ich sehe Dich.

Die kleinen, kreisrunden Bildformate tragen das Ihre dazu bei, sich wie aus Fenstern, Schiffsluken und Türspionen neugierig, abweisend, gleichgültig etc. angespäht zu fühlen. Oder handelt es sich um Gesichter von Menschen aus der Vergangenheit, die uns - regelmässig in Rahmen gebannt - aus irgend einem Grund in Erinnerung bleiben wollen? Verstorbene, Verwandte... Oder sind es etwa Taschenspiegel, klein, rund und handlich, ursprünglich hergestellt, um die tägliche Kontrolle über das Gesicht, d.h. die tägliche Selbstidentifikation nicht zu verlieren? Dann allerdings wird die Sache vollends unheimlich. Man stelle sich vor, in einen Spiegel zu blicken und plötzlich taucht darin ein/e andere/r auf. Das wäre der Verlust der Identität, das end-gültige Ende des Subjekts im Markt der Austauschbarkeit der Bilder.

Es ist kein Zufall, dass Leta Peer bei ihrer Untersuchung des Sichtbaren und Un-sichtbaren, bei ihren malerischen Vertiefungen über die Entstehung und das Wirken der Bilder, sich gerade auf das Gesicht konzentriert. Das Gesicht ist individualge-schichtlich gesehen der erste Spiegel, die erste Form, welche der Säugling als Ganz-heit erkennt. Von hier aus lernen wir, die Welt zu erkennen und zu unterscheiden. Lebenslang ist das Gesicht der Orientierungsweiser schlechthin. In jeder Kommunikation, an jeder Grenze wird seine Oberfläche auf Wahrheit und Glaubwürdigkeit untersucht. Nicht ohne Grund beginnt jede Maske mit der Umgestaltung des Gesichtes. Nicht ohne Grund hat jede Störung im Gesicht eines Gegenübers Einfluss auf das eigene Befinden.

Es ist ein äusserst durchtriebenes Spiel, welches Leta Peer hier mit uns Zuschau-er/innen treibt. Und der Verdacht macht sich breit, als wäre das Spiel, das sie in ihrer gesamten künstlerischen Arbeit verfolgte, im vorliegenden Arrangement auf eine Spitze getrieben.

Der Unterschied zwischen der hier präsentierten Arbeit und früheren Projekten Peers ob in Form von Malerei, Raumgestaltungen für Architektur oder als Video realisiert -liegt darin, dass sie in der Gesichter-Serie ganz auf Verweise und das stützende Gerüst von Konnotationen jeder Art verzichtet. Es gibt keine gemalt-collageartigen Uberlagerungen und Überschichtungen mehr, keine Verschiebungen von Vorder-grund in den Hintergrund und umgekehrt. Kein Raum, kein Wort, kein Text, kein Zeichen, kein wiedererkennbares Symbol verbindet und konfrontiert die vordem auf den Leinwänden auftauchenden Gesichter, Körper, Räume und Blumen miteinander, um sie in einen vielschichtigen Diskurs zu verflechten. Dieser Diskurs allerdings - und hier schliesst die Gesichter-Serie nahtlos an - mündet jeweils trotz all seiner Ange-bote und seiner so einladend präsentierten Lesbar- und Sichtbarkeiten in eine atem-lose Leere, die hartnäckig immer wieder an die Oberfläche zurückverweist.

Alles ist bereits da, scheint Leta Peer zu sagen. Es gibt nichts und alles zu sehen. Und
- noch viel tückischer: Sie sagt auch, was du siehst, ist es nicht.

   
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Biographie

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