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Vorwort zum Katalog Das Dreieck von Eckhard Siepmann

Raum, Zeit und Knöllchen

Der Zerfall eines alten Raumes.

Dieser auf den ersten Blick merkwürdige Titel geht auf das Hauptwerk des Physikers Stanley Eddington zurüch: "Raum, Zeit und Gravitation" erschienen 1935. Sechs Jahre später veröffentlichte der Schweizer Architekturhistoriker Siegfried Giedion sein epochemachendes Werk "Raum, Zeit und Architektur", in deutlicher Anlehnung an Eddington. 5o Jahre später macht die Bezugnahme auf die "neue Physik immer noch Sinn. Und mein Thema sind eben gewisse Knöllchen. Genauer: Thema ist die Geschichte des Raums in der Kultur. Es ist zunächst eine lapidare Feststellung, dass bestimmten Kulturepochen spezifische Raumvorstellungen eigen sind. Ein Spaziergang durch "ungleichzeitige" Städte, wie zum Beispiel Tübingen und Manhattan, macht das durchaus nachvollziehbar. Schwieriger ist die Beantwortung beispielsweise folgender Fragen: Wie entstehen die jeweiligen Raumstrukturen in der Kultur? Durch weiche Faktoren ändern sie sich? Sind es objektive oder subjektive Faktoren, die die Änderung bewirken? Falls der subjektive Faktor, also die kulturproduzierenden Menschen, dabei eine Rolle spielt: Verwirklichen wir veränderte Raumgefüge nur aufgrund äußerer Notwendigkeiten oder auch aufgrund veränderter Wahrnehmungsstrukturen? Ich gehe von der These aus, dass der Wahrnehmung der Menschen Strukturen zugrunde liegen, die sich in größeren Zeiträumen wandeln, dass die Künste auf Strukturen basieren, die diese Wandlung absehbar machen und dass wir Zeitgenossen einer solchen dramatischen Wandlung sind. Die Struktur, die sich im 19. Jahrhundert aufzulösen begann und die in der elektronischen Gegenwart durch ein neues "Grundmuster" verdrängt wird, datiert von der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert. In der Malerei der Frührenaissance, in der Kultur der italienischen Stadtstaaten um 1400 erscheint eine neue Wahrnehmungsform, die dem frühen Bürgertum seine Handlungsräume eröffnet und gleichzeitig den Wahrnehmungsraum des Feudalismus negiert.

Die Geburt des Perspektivraums

Aus dem Geist des Fernrohrs, des Setzkastens und der doppelten Buchführung.

Das Neue wird in Fresken von Giotto (1266-1337) erstmals ahnbar, gewinnt in den Fresken von Masaccio um 1426 Monumentalität und ist in der Malerei der Renaissance-Meister um 1500 voll ausgebildet: Der homogene Bild-Raum, fundiert auf einem perspektivischen Weltentwurf. Der Entwicklungsprozess, atemberaubend wie ein Krimi, kann hier nicht rekapituliert werden. Nur ein paar Stichwörter: Hölle, Erde und Himmel des Mittelalters hatten keine Tiefenschärfe, waren von geistlicher Idealität. Das Leben der Heiligen erschien vor dem Goldgrund der Ewigkeit, das Leben der Irdischen hatte keine Raumtiefe, der Alltag war transitorisch auf das Jenseits bezogen.
In der Malerei des 14. Jahrhunderts knackt es im Gebälk der wechselnden Behausungen Jesu, von dem Stall in Bethlehem bis zum Kreuz auf Golgatha. Hier eine Blümchenwiese, da ein paar Fliesen wie auf einem Schachbrett, dort ein kleiner Abhang. Wir können heute nur darüber phantasieren, warum es weicher Mühen bedurfte, diesen einheitlichen Raum hinzukriegen, nach dem offensichtlich alles drängte. Und erst recht, warum in aller Welt drängte es dahin? Was reizte die Maler und ihre Auftraggeber, eine neue Räumlichkeit zu gewinnen? Dem neuen Bedürfnis muss ein neues Sehen zugrunde gelegen haben, und dem neuen Sehen womöglich ein neues Interesse. Offensichtlich das Interesse, sich innerhalb der Weit genauer zu orientieren, Nähe und Ferne nicht theologisch, sondern pragmatisch zu verstehen, für irdische Zielsetzungen Augenmaß zu entwickeln, gegen die umfassende Orientierung auf das Jenseits. Die Transformation der Orientierung bereitet sich in allen gesellschaftlichen Sphären vor, im Handel, in der Wissenschaft, in der Kriegsführung - und in der Religion selbst. Die Kunst war kein Vorreiter, sondern sie fasste die neuen Tendenzen nur besonders sinnfällig zusammen.

Objektivität: Die Perspektivierung der Wissenschaft.

Warum sieht der Maler die Frau so uncharmant an? Der Blick des Malers gilt gar nicht der Frau, er gilt den Punkten auf dem Netz. Was hinter dem Netz liegt, das ist dem Maler völlig gleichgültig. Er achtet nicht auf die Atemzüge, die Gerüche, die Schönheit der Frau, es könnte genauso gut ein toter Ochse sein. Die Wissenschaft ist in Dürers Zeit objektiv geworden, sie streifte religiöse Zwänge ab und wurde exakter. Die Kehrseite der Medaille ist die Gleichgültigkeit gegenüber Dualitäten, die menschliche Unverbindlichkeit die moralische Losgelassenheit. Im 20. Jahrhundert erleben wir die Schrecken einer übersteigerten (von gesellschaftlicher Verantwortung abgekoppelten) Objektivität.

Der Zerfall des Perspektivraums

Durch den Schock der Eisenbahn, des Films und der Elektrizität.

Neue Ideen bringen neue Augen hervor, wie Heine konstatierte, und wir ergänzen: Alte Augen und Ohren sehen beziehungsweise hören eine neue Weit der Technik und der Kommunikationsmittel und mutieren in neue Augen und Ohren, gleichzeitig entstehen hinter und zwischen ihnen und auch außerhalb ihrer neue Ideen. Im 19. Jahrhundert wird das gleiche dramatische und unterhaltsame Schauspiel aufgeführt wie im 14. Jahrhundert: die Destruktion eines ausgedienten Wahrnehmungsraumes und die Herauskristallisierung einer neuen Wahrnehmungsstruktur. Im 19. Jahrhundert wird der homogene, perspektivisch vereinheitlichte Raum ausgezehrt, der seit der Frührenaissance ? in unterschiedlichen Erscheinungsformen ? Geltung hatte. Wiederum sind es die Künste - nicht zuletzt die Baukunst -, an denen dieser Prozess in aller wünschenswerten Klarheit ablesbar ist, wieder ist es die ökonomische und kommunikationstechnische Infrastruktur, die die Wandlung der Wahrnehmung provoziert. Das 19. Jahrhundert veranstaltet die Destruktion des homogenen Raums, das Neue deutet sich erst zaghaft und oft verborgen an, um 1900 wird die neue Struktur in Ansätzen sichtbar, im 20. Jahrhundert bildet sich die Struktur weiter aus, und es entstehen erste Ansätze des theoretischen Begreifens. In der Gegenwart, im Übergang zum 21. Jahrhundert, zieht die neue Wahrnehmungsstruktur in Teile des Alltagsbewusstseins ein.

Auf der Ebene der Verkehrsmittel ist es zunächst die Eisenbahn, die traumatisch die alte Erfahrung von Raum und Zeit schnaufend und triumphierend zerschneidet und gleichzeitig mit dem Verkehrsnetz die Fanfare für die neue Struktur der Vernetzung ausgibt. Ihr geht die Ballonfahrt voraus, die in einer eigenartigen Mischung aus Meditation und Nervosität einen holistischen Blick auf die Erde vorbereitet, der in veränderter Form vom Flugzeug aufgenommen wird. Zwischendurch begegnet uns das Auto, das für den Fahrer Raum und Zeit zusammengedrängt und für den Passanten den Blick geradeaus durch eine ängstliche Beobachtung nach allen Seiten verdirbt. Mit der Rakete, die vorerst nur privilegierten Passagieren vorbehalten ist, treten wir in ein neues Zeitalter ein, Raum und Zeit werden mit ihr völlig neu definiert.
Zurück ins 19. Jahrhundert. Die vielleicht bedeutungsvollste Ebene ist die der drastisch veränderten Kommunikationsmittel. Den Anfang dabei machen die Fotografie (1839) und die Telegrafie (1844). Die Fotografie zerlegt den Handlungsablauf, die Telegrafie das Wort. Beide schaffen auf ihre Weise völlig neue Codierungen, die ein verändertes Wirklichkeitsverständnis signalisieren Es folgen das Telefon, das ein akustisches Netz ausbreitet, das Grammophon, das für die beliebige Reproduktion des einmaligen Worts, Tons oder Geräusches sorgt und es nicht nur aus seinem originären Ort, sondern auch aus seiner ursprünglichen Zeit transferiert, und der Film, der Tote optisch wiederauferstehen lässt, Handlungen zurücklaufen oder in ihrem Tempo beschleunigen oder verlangsamen kann. Die vierte Ebene ist schließlich die der Wissenschaften. Radium, Röntgenstrahlen, Relativitäts? und Quantentheorie setzen das mechanistische Weltbild endgültig außer Kraft und lassen den Perspektivraum als Marotte erscheinen, dessen Geltungsbereich auf singuläre beschauliche Situationen eines der Wissenschaft unbedürftigen Feierabendalltags zusammenschmilzt.
Die Künste reflektieren diesen Destruktionsprozess seit der Romantik, seit Goya, seit Heine, deutlicher schon bei Wagner, Baudelaire, Rimbaud, Jarry .... bei den Impressionisten, Pointillisten, Cézanne, ... Besonders interessant dabei die Architektur: Unter dem ornamentalen Zuckerguss entsteht eine Eisenarchitektur, die die Masse überflüssig macht und den Triumph der (Eisen/Stahl?) Struktur vorbereitet. Den vorläufigen Abschluss aller dieser Reihen bedeutet das allmähliche Eindringen der Elektrizität in den Alltag. Die völlig neue Qualität des elektrischen Lichts wurde erstmals um 1880 sichtbar, aber es dauerte noch 40 Jahre, bis ein großer Teil der Haushalte elektrifiziert war. Trotzdem kann schon um die Jahrhundertwende von einem entscheidenden Einfluss der Elektrizität auf die Wahrnehmung gesprochen werden. Diese Energie ist überall und unsichtbar anwesend. Sie bildet Net5e aus und umgibt ihre Konsumenten. Sie schafft die Voraussetzung für die unaufhörliche Bombardierung der Menschen mit Informationen von allen Seiten. Am deutlichsten von allen Wahrnehmungsummodlern bereitet die Elektrizität die neue Feld?Struktur der Wahrnehmung vor.

Die Feldstruktur

Im Netzschatten von Raumfahrt, Elektrotechnik und Satellitenkommunikation.

Wessen Blick auf einen einzelnen Prozess oder Gegenstand fixiert ist, dem entgehen andere Vorgänge oder Objekte und damit vielleicht entscheidende Beziehungen. Das periphere Sehen umfasst dagegen auch Begleitumstände, die die Konstitution des "Hauptgegenstandes" beeinflussen und damit im nächsten Augenblick verändern können. Das periphere Sehen ist daher der Einstieg in die Enthierarchisierung des Blicks, die Blickpyramide wird abgetragen, ihre Totenkammer geschleift.
Einen Schritt weiter geht die synchrone oder simultane Wahrnehmung, die das Zusammenspiel aller Sinnesorgane intensiviert und gleichzeitig weit auseinanderliegende Zeichenschichten und Medien zu amalgieren versteht. Diese Fähigkeit wurde durch die Großstadt zu einer Voraussetzung des Überlebens gemacht und ist daher weit verbreitet. Die letztere Erweiterung kann als enviromentales Wahrnehmen oder - falls man der Verdeutschung eines englischen Wortes eine leicht manierierte binnendeutsche Konstruktion vorzieht - als umgebungshafte Wahrnehmung begreifen. Dabei ist das entstehende Wahrnehmungsfeld nicht das zufällige Produkt bzw. die kontigente Summe der einströmenden Sinnesreize, sondern wird vom Subjekt "gestiftet", als bewusste Disposition an die Wirklichkeit herangetragen. Jeder ökologischen Sensibilität liegt diese Disposition zugrunde.
Diese letzte Bemerkung verweist schon darauf, dass die genannten Merkmale nicht nur die neue, aperspektivische Wahrnehmung kennzeichnen, sondern darüber hinaus zur Signatur der aperspektivischen Kultur gehören. Wie die "Simultaneität" in den ästhetischen Mutmaßungen der 20er Jahre als Voraussetzung für das erfolgreiche Durchsetzungsvermögen im modernen Verkehr gefeiert wurde, so schafft die Feld?Wahrnehmung die geeignete Disposition für die alltäglichen Kreuzfahrten im Archipel der digitalisierten Weit. Die Künste, die so lange dem Verdacht ausgesetzt waren, nutzlose Burschen geworden zu sein, entfalten, soweit sie zeitgemäß sind, überraschend die Fähigkeit, den Zeitgenossen bei der Ausbildung der neuen Wahrnehmungsvoraussetzungen zärtlich auf die Sprünge zu helfen.

Was lässt sich heute über Wahrnehmungsstruktur sagen?

Die neue Struktur, die sich nach der Jahrhundertwende zunächst in der Physik und in den Künsten ausbildete, beginnt im Zeitalter der neuen wissenschaftlich-technischen Revolution in den Alltag, d. h. in das Bewusstsein der Menschen einzuziehen. Die bedeutendste Antriebskraft ist dabei die elektronische Massenkommunikation. Die Zerrüttung der alten perspektivischen Struktur bringt zugleich destruktive und konstruktive Tendenzen hervor. Die destruktiven Tendenzen äußern sich in einem neuen Analphabetismus, in Sprachlosigkeit und dem Verkümmern von Realitätsbeziehungen. Die konstruktiven Entwicklungen kommen in einer Wahrnehmungsstruktur zum Ausdruck, deren Eigenart zunächst in einem veränderten Verhältnis von Ganzheit und Einzelheit erscheinen. Einerseits entsteht ein neues, ganzheitliches Denken, andererseits werden neue Differenzierungen innerhalb der Einzelheit erprobt. Ungebrochene Triumphe feiert das alte Perspektivdenken im großen und kleinen Geschäftsleben, in der offiziellen Politik, in der Bürokratie, in der Übermacht der "alten Gewohnheiten" des Alltags. Manifestaturen der neuen Wahrnehmungsstrukturen sind zu erkennen in den "neuen sozialen Bewegungen" und Gruppen seit den 60er Jahren (Antiautoritäre, Hippies, Bürgerinitiativen, Feminismus, Ökologiebewegung, Hausbesetzer, Hacker), soweit sie auf eine Revolution des Alltagsbewusstseins zielen und von ihm schon aufgenommen werden. Diese Manifestationen erweisen den politisch-gesellschaftlichen Aspekt der neuen Wahrnehmungsstrukturen. Ihre Grundzüge heißen: Selbstbestimmung, Differenz, Horizontalität, Ganzheitlichkeit, Verantwortlichkeit, ökologische Referenz, globale Bewusstheit, Ausgleich zwischen Rationalität und Nicht?Rationalität. Der politische Charakter der neuen Wahrnehmungsformen läuft hinaus auf eine Gesellschaftlichkeit, der weder die kapitalistische, privatwirtschaftliche Form des gesellschaftlichen Lebens genügt noch die bürokratische Verformung des sozialistischen Gedankens. Wenn die alte Bewusstseins- und Wahrnehmungsform als Perspektivdenken erscheint, so zeichnet sich für die neue Wahrnehmungsform das Modell des "Feldes" ab: einzelne Felder (Inseln) in nicht hierarchischer allseitiger Interaktion. "Die festen Beziehungen weichen flexibleren: die Berücksichtigung des Zeitelementes als Bewegung löst den starren Raum, lockert ihn, bringt ihn zum Fließen, eine Welt der Übergänge und der Zusammenhänge tritt an die Stelle der abgekapselten Räume, statt einer Teilung (durchaus im Sinne des Rationalen) erfolgt eine Verschmelzung, und der abstrakte Raum wird zu einem konkreten Raum-Zeit?Kontinuum, das unverhaftet Leichtigkeit ausströmt." (Jean Gebser)

Wahrnehmungsstruktur und Wirklichkeit.

Mal ist es die Wahrnehmung, die sich ändert, ein anderes Mal das Bewusstsein oder das Denken, dann wiederum scheint es, dass die Veränderungen die Fundamente der Kultur betreffen. Wenn wir versichern, dass dieses Oszillieren beabsichtigt ist, wollen wir damit durchaus nicht den Anschein erwecken, als seien wir unserer Sache sicher. Unser Herumta5ten betrifft allerdings nicht die Essenz der" Sache" - da sind wir von traumwandlerischer Sicherheit -, wohl aber ihr Beziehungsgefüge. Wir sprechen von einer Änderung in der der Wahrnehmung zugrundeliegenden Struktur. Unter Wahrnehmung verstehen wir dabei das Produkt der Zusammenarbeit von Sinnesorganen, Gehirn und nichtrationalen Sphären.
Unzweifelhaft betrifft der Übergang von der Perspektiv- zur Feldstruktur nicht nur die Wahrnehmung. Schon deshalb nicht weil sonst dieser Wechsel überhaupt nicht zu erklären wäre! Dass nämlich die Wahrnehmung aus eigener Kraft sich verändert, das wollen wir eigentlich nicht annehmen. Es muss schon irgendein Umschwung in der Weit zu konstatieren sein. Es ist vor allem die durch die Wissenschaft und Technik veränderte Umwelt die um 1900 für eine weitreichende Umwälzung in den Sphären der Produktion und Kommunikation und damit der Wahrnehmung sorgt. Von der Wirklichkeit "schlechthin" kann nicht behauptet werden, dass sie als Feldstruktur in Erscheinung tritt ebenso wenig von der Bewusstseinsstruktur "schlechthin". Wenn von dem geschichtlichen Übergang von der Perspektive zur Feldstruktur die Rede ist, dann ist präzise gemeint das Verhältnis zwischen Bewusstsein und Sein.
Mit anderen Worten: Nicht einer Totalität der Wirklichkeit kann im 20. Jahrhundert Feldstruktur zugesprochen werden, wohl aber der Sphäre, die wir immer noch als Kultur bezeichnen. Kultur, begriffen als ein auf Identität (Selbstvergewisserung) zielender Aspekt jeder Handlung, korreliert auf unterschiedlichen Ebenen mit den Akten der Wahrnehmung, vor allem, sie baut auf Wahrnehmung auf und wirkt auf die Wahrnehmung" zurück", fast könnte Kultur sogar als gesellschaftliche Wahrnehmung bezeichnet werden. Kultur und Wahrnehmung sind die beiden aufeinander eingespielten Sphären, die von dem Wechsel von der Perspektiv- zur Feldstruktur gekennzeichnet sind. Unser Verhältnis zur Welt unterliegt diesem Wechsel, sei es in den Akten der Wahrnehmung als einer subjektiven Vorausset5ung von Kultur oder in den Prozessen der Kultur als objektivierten Formen einer Wahrnehmung.

Aperspektivität "ist ungleich" Chaos.

Tatsächlich geht die Umwälzung von einer veränderten räumlichen Orientierung der Einzelheiten aus. Sie orientieren sich nicht mehr an einem vorgegebenen Raumkontinuum, sondern nur noch an "ihresgleichen", an benachbarten Einzelheiten. Wenn das Einzelne aus jeder Überdeterminierung befreit ist, rettet es sich vor dem Untergang nur, indem es zu seinen Nachbar-Einzelheiten Beziehungen eigener Art entwickelt. So entsteht eine Umgebung, ein Feld. Diese Beziehungen können vielfältiger Art sein; immer kommt es darauf an, in welchem Verhältnis die einzelne Beziehung zu dem Beziehungsgeflecht steht.
Das Geflecht wird darauf abheben, sich zu verbreitern, ohne seine eigene Struktur aufzugeben. Es kann zwar auch seine Struktur erweitern, um mit anderen Geflechtstrukturen in Kontakt zu kommen, bei dieser Erweiterung muss aber das "innewohnende Gesetz'' berücksichtigt werden. Wird dieses Gesetz vernachlässigt, so droht dem Geflecht der Untergang. "Es kommt" also "drauf an", das Gesetz permissiv, locker, lasziv zu gestalten.
Das (vorerst utopische) Endziel wäre es, alle Geflechte der Erde in eine polymorph?perverse Eigensinnigkeit zu bringen: das aufgelöste Rätsel der Sphinx, das Ende der Vorgeschichte der Menschen. Die Menschheit würde mutieren zu einer gallertartigen Masse, zu einem Ozean inzestuöser Beziehungen der Menschengeschwister. Wer wollte ausschließen, dass solche gallertartige Massen in fernen Galaxien bestehen, ohne dass sie von uns schon als unseresgleichen erkannt würden?

   
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