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Text aus dem Katalog Casa die Goethe, 1999
von Martin Zeller

klicken um zu vergrößern: Martin Zeller, Largo Pio Fedi, Roma, 1999, Ilfochrome

Meine fotografische Arbeit beruht auf der Essenz des Wartens. Die Fotografien sind das Endprodukt des nächtlichen Sammelns von Zeit und Licht, oftmals über mehrere Stunden. Diese Verdichtung auf dem Farbumkehrmaterial führt zu einem für unser menschliches Auge ungewohnten Spektrum der Farben. Farbe für sich war für mich schon immer ein auslösendes Element in meiner künstlerischen Arbeit. So erscheint sie auf meinen Fotografien als eigenständige Qualität, entflieht dem, was sie abbildet, und läßt das Motiv zurück.

In meinen Arbeiten zum Katalog Berlin (1997) reduziert sich die Farbigkeit meiner ausgewählten Sujets immer mehr, und oft erstrahlt ein Ort nur noch in einem monochromen Farbton. Nach diesem Projekt erarbeitete ich bis zu meinem Romaufenthalt neue Perspektiven, und zu den bevorzugten fotografierten Materialien wurden Glas und Eisen. Das vormals steinerne Berlin wandelte sich durch meine neue Sichtweise in einen transparenten, vielschichtig reflektierenden Bildraum. In Rom angekommen, fand ich mich zuerst zurückgeworfen auf die Sichtweise meiner frühen Berlinarbeiten. Die römische Stadtlandschaft wandelt sich im nächtlichen Kunstlicht zur monumentalen skulpturalen Kulisse. Nur, daß hier in Rom die allabendlich gesetzte Lichtinszenierung für die Touristen den antiken Bauwerken jegliche verbliebene Aura raubt. Heutzutage kann sich bei einem nächtlichen Spaziergang zwischen den Ruinen bei Vollmond die noch von Goethe beschriebene elegische Stimmung nicht mehr einstellen. Das Mondlicht wird von den tausenden Lampen und Strahlern überblendet.

"Gestehen wir doch, es ist ein saures und trauriges Geschäft, das alte Rom aus dem neuen herauszuklauben, aber man muß es doch tun und zuletzt eine unschätzbare Befriedigung hoffen." Diesen Rat Goethes befolgte ich mit umgekehrtem Vorzeichen und suchte das Neue im Alten, um darin vielleicht eine Essenz zu finden.

Goethe ist für mich besonders durch seine Zuwendung zur Farbe wichtig geworden. Wenn am Anfang von Goethes Forschungen zur Farbenlehre auch ein folgenreicher Irrtum stand, ist mir sein Ansatz, die Farbe als sinnliches Phänomen qualitativ zu erfassen, nahe. Mit diesen Gedanken im Gepäck ließ ich mich durch Rom treiben, aus dem Zentrum, durch die Stadtteile, in die Peripherie; über farbenprächtige Märkte, durch lebendige Wohnviertel, in die römische Campagna, die nach Pinien, Thymian und Ziegen roch. Und alles unter diesem südlichen Sonnenlicht, das die Gegenstände prägnant erscheinen läßt, ohne daß die Farben ins Stechende umkippen.

So fotografierte ich zum einen Orte, die Durchgangsorte sind. Tunnels, Korridore, Schächte, wie sie eine moderne Urbanität prägen. Dabei lösen sich beim Fokussieren durch vorgelagerte Glasscheiben, die je nach Lichtquantität transparent oder reflektierend sind, die Farbflächen und Lichtspuren von ihrem Träger und bilden eine neue räumliche Dimension. Die Eigenschaften von Glas, Transparenz und Spiegelung, verschieben die Raumgrenzen nach außen in eine Tiefe, die nur zu ahnen ist.

Von der sich verselbständigenden Farbe verlassen, realisierte ich zum anderen erstmals Schwarzweißaufnahmen, die das Thema des sich richtungslos ausdehnenden Raums aufgreifen, aber von einem anderen Standpunkt aus beleuchten. Im Zwielicht, zwischen endender Nacht und anbrechendem Tag oder umgekehrt, suchte ich Stadtansichten, die von unseren modernen Verkehrsadern durchschnitten sind, aber doch undurchdringlich bleiben. Die Ausschnitte nahm ich von erhöhter Position aus auf, so daß Rom viele Einblicke bietet, der eigene Standpunkt aber unsichtbar, unsicher bleibt.

So bilden Farb- als auch Schwarzweißarbeiten, jede für sich ausschnitthaft, gebrochen, verfremdet, einen Teil des Ganzen.

   
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