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Das Foto als Ort der Erscheinung.
Zu Martin Zellers Nachtstücken.
von Andreas Schalhorn
Unter dem Titel "Verklärte Nacht" versammelt die vorliegende
Publikation eine ebenso komplexe wie abwechslungsreiche Sequenz von Nachtfotografien,
die Martin Zeller in den letzten drei Jahren in Berlin gemacht hat.
Der Begriff der Verklärung, von Zeller in einem Gespräch mit
dem Verfasser innerhalb seiner Konzeption von Fotografie als Parallelströmung
und damit keineswegs als irrationales Gegenstück zur "Aufklärung"
verstanden, wird im landläufigen Sinn mit einem religiösen Kontext
in Verbindung gebracht. Man denke an die Transfiguration, die Verklärung
Christi, die von Raffael um 1520 erstmalig in einem Gemälde monumentalisiert
wurde. Diese Verklärung soll sich nach biblischem Zeugnis auf einem
Berg ereignet haben, auf den Jesus einige seiner Jünger geführt
hatte: "Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete
wie die Sonne und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht"
(Matthäus 17,3). Zeller überträgt den Begriff der Verklärung
auf seine nightscapes des profanen Berliner Stadtraumes. Verklärung
bedeutet bei ihm der ästhetische Verwandlungsprozess einer zeitlich-rämlichen
Situation, wie man sie normalerweise so nicht wahrnimmt. Durch die optischen
und chemischen Möglichkeiten der Fotografie macht er Konstellationen
von Licht- und Farbzonen im städtischen Raum sichtbar, die anders
nicht zu erfassen wären – und nur von ihm in dieser Intensität
verbildlicht werden.
Zellers Aufnahmen entstanden ausschließlich bei Nacht unter alleiniger
Ausnutzung der vor Ort herrschenden Lichtverhältnisse (Laternen,
Schaufenster, Autoscheinwerfer, Spiegelungen etc.) bei Belichtungszeiten
bis zu einer Stunde. Die "Verdichtung von Zeit" (Zeller) ist
ein wesentliches Anliegen und Prinzip seiner Werke. Wie deren Titel belegen,
hat er das Netz der Straßen und Plätze des alten wie des neuen
Berlin durchforstet. Eine Dokumentation dieser Orte leistet Zeller nicht.
Zwischen Titel und fotografischer Situation entsteht vielmehr eine Spannung:
Was imaginiert der Betrachter der Fotos, wenn ihm die Straßennamen
und Gebäude durch den Kopf gehen? Was meint er aus den Arbeiten an
Erinnertem herauslesen zu können?
Für Zeller blieben nach seiner intensiven Phase der Beschäftigung
mit der Nachtfotografie, die 1997 zur Ausstellungspublikation "Berlin"
führte, immer noch Fragen der Generierung fotografischer Bildräume
offen, so dass er seine eigene Konzeption von Lichtbildnerei überdachte
und damit eine neue Arbeitsphase einleitete, die zu stilistischen Änderungen
führte. Entstanden bis 1997 meist panoramaartige Fotos mit weiten
Fluchten und einer einheitlich großen Tiefenschärfe, die dem
Betrachter den schnellen Einstieg in das Bild ermöglichte, so beschäftigt
ihn nun das Phänomen des Bildraumes als Ort von Überlagerungen
visueller Informationen – und somit die Vielschichtigkeit des Bildlichen
selbst. Ihn interessiert die visuelle Kraft der Oberfläche eines
Fotos mehr als deren Möglichkeiten, einen Tiefenraum zu fingieren.
Er arbeitet an der Frage der Gleichschaltung von Raumebenen, an ihrer
Übertragung auf die von ihm durch Konzeption und Imagination vorbereitete
Oberfläche der Fotografie. Hatte er früher seine Fotografien
eher "von der Schattenseite" her angelegt, so arbeitet er nun
mehr "von der Lichtseite" her. Dies bedeutet einen Perspektivwechsel
mit Folgen für den Bildcharakter seiner Fotografien. Das endgültige
Foto steht für ihn am Ende eines Arbeitsprozesses, der eine behutsame
Annäherung an das gewählte stadt- bzw. lichträumliche Motiv
bedeutet. Fotografieren, Betrachten, wieder Fotografieren – mit
Zellers Worten: "Wieder in die Nacht gehen"– : dies sind
die zu vollziehenden Schritte. Bisweilen entstehen einzelne Fotografien,
wie vorbereitende Skizzen, auch tagsüber.
Während Zeller fünf Jahre zuvor noch mit den Situationen an
abgelegenen Orten gearbeitet hatte, geht er nun in Berlin vor zentral
gelegene historische oder neue Bauten und Orte ( Reichstag, Pergamonmuseum,
Alexanderplatz). Gleichwohl spürt er auch in Berlin-Mitte Unorte
wie Haltestellen und Unterführungen auf, die in der Dunkelheit eigene
Lichträume definieren. - Die nächtliche Stadt sucht Zeller nach
den Spiegelungen von Räumen und Lichtern ab, die zur Überblendung
architektonischer Motive führen: Die Spiegelungen, bisweilen für
den Betrachter kaum erkennbar, werden durch Glas- bzw. Metallflächen
(das lackierte Dach eines Autos) oder andere reflektierende Materialien
und Gegenstände verursacht. Der komplexe, wegen der langen Belichtungszeit
keineswegs einfach nachvollziehbare Blick der Kamera auf die dabei entstehenden
lichträumlichen Konstellationen wird im Foto erst generiert und zum
Bild.
Von der Lichtseite der Gegenstände her denkend, ist oftmals leuchtende
bzw. Lichter brechende Architektur das Thema. Sie erscheint vielfach wie
von Lichtspuren hinterlegt oder überlagert. Eine Glasscheibe kann
zur Motivebene werden, auf welcher die Rücklichter fahrender Autos
zu Lichtbahnen gerinnen. Die Auflösung des fotografischen Bildraumes
in Vorder-, Mittel- und Hintergrund stellt eine eigene Herausforderung
für den Betrachter dar. Auch hierin setzen sich die Arbeiten von
Zellers früheren Nachtfotografien ab.
Bisweilen benötigt Zeller besonders günstige äußere
Umstände, wie einen regennassen Boden, um zu seinen zeitintensiven
Licht- und Bildreflexionen zu kommen. Bei manchen Fotos, die einen Gegenstand
in einem partiell vielleicht sogar schmutzigen Glas erfassen, ergibt sich
der Effekt von Interferenzen. Einzelne Lichtschlieren oder Spiegelungen
bringen an anderer Stelle Motive ins Bild, die in Wirklichkeit im Rücken
des Fotografen anzusiedeln sind. Zudem überlistet immer wieder das
fotografische Auge Standpunkt und Perspektive des Künstlers. In einigen
Fällen wird der Blickwinkel mittels des Shift-Objektivs der Kamera
aus der Mittelachse herausgerückt, um die Spiegelung von Fotograf
und Kamera zu vermeiden. Wichtige Faktoren für die Wirkung des Werkes
sind Präsentation und Dimension der Fotografien. Sie werden rahmenlos
hinter Acrylglas auf Aluminium im Diasec-Verfahren aufgezogen. Das Spiegeln
des Acrylglases führt die bildinternen Spiegelungen „nach außen“
weiter. So kommt es zu einer von Zeller erwünschten Verschränkung
mit dem Betrachterraum.
Vorschnelle Verweise auf die Malerei als Referenz für seine Arbeiten
weist Zeller mit einem deutlichen "Es ist Fotografie!" von sich.
Die Kategorie des Malerischen zielt nicht nur an seiner Arbeit, sondern
generell an der Fotografie als Medium vorbei. Denn Malerei ist nach Zellers
Meinung über die Anschaulichkeit hinaus immer noch Material und Objekt,
was für die Fotografie nicht gilt. Dieses Medium entwickelt seine
Materialität nur aus der imaginativen Ergänzung der Bilddaten
durch den Betrachter: "Die Fotografie entsteht nur im Kopf des Betrachters,
im Abgleich mit unserer Erinnerung, die für mich immer auch Teil
der Fiktion ist" (Zeller). Mit der Filmentwicklung erst gewinnt Zeller
das endgültige, ihm vorher unbekannte Bild einer nächtlichen
Stadtszenerie, das nicht mit dem Blick durch das Objektiv der Kamera beim
Verweilen vor dem Objekt identisch ist: "Ich sehe ja nicht, was ich
fotografiere".
Indem Zeller die Licht- bzw. Farbwerte bei Nacht fotografisch fixiert,
kann er die Künstlichkeit der Fotografie – als Lichtbildnerei
- viel eher reflektieren, als mit Hilfe von Tageslichtaufnahmen. Das Printen
auf Ilfochromepapier kommt seiner Intention der Speicherung und Steigerung
künstlicher Farbwerte sehr entgegen.
Fotografie funktioniert nach Zellers Einschätzung nur in Abgleich
mit unserem visuellen Gedächtnis. Dies ist auch der Grund dafür,
dass er sich auf die Metropole Berlin konzentriert. Das Erinnerungsvermögen
verlangt entsprechende Sujets, einen Genius Loci. Eigenschaften, die nicht
jede Stadt zu bieten hat. Vielfach arbeitet Zeller, so scheint es, mit
der "Aura", die jeder, der an diese Stadt Erinnerungen hat,
also Bilder verbindet, auf eine mehr oder weniger bewusste Weise zu erfahren
meint. Die opulenten Neubauprojekte, wie auch die historischen Stätten
Berlins, sind von solchen Konnotationen gleichermaßen betroffen.
Doch Zeller bricht und bereichert diese Aura der Vor-Urteile des Betrachters.
Er setzt gegen sie die Aura seiner Fotografie, die Licht ins Dunkel der
Stadt bringt. Die Verklärungsarbeit, die er mit seinen Nachtstücken
leistet, verleiht der Stadt und ihren Räumen eine Vielfalt an Lichtern
und Farben, die sich dem Auge des Betrachters ansonsten entzöge.
Das besondere Movens der Fotokunst Martin Zellers findet sich in einem
Zitat aus Goethes "Faust", das der Fotograf in einem Brief an
den Verfasser nicht ohne Grund anführt: "Am farbigen Abglanz
haben wir das Leben".
Auf unverwechselbare Art und Weise macht Martin Zeller den farbigen Abglanz
der nächtlichen Stadt und ihrer Lichträume im fotografischen
Bild sichtbar.
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