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Martin Zeller
Vorwort aus dem Katalog Die Verklärte Nacht , 2002
von Dr. Andreas Schalhorn

 

Das Foto als Ort der Erscheinung.
Zu Martin Zellers Nachtstücken.

von Andreas Schalhorn

Unter dem Titel "Verklärte Nacht" versammelt die vorliegende Publikation eine ebenso komplexe wie abwechslungsreiche Sequenz von Nachtfotografien, die Martin Zeller in den letzten drei Jahren in Berlin gemacht hat.

Der Begriff der Verklärung, von Zeller in einem Gespräch mit dem Verfasser innerhalb seiner Konzeption von Fotografie als Parallelströmung und damit keineswegs als irrationales Gegenstück zur "Aufklärung" verstanden, wird im landläufigen Sinn mit einem religiösen Kontext in Verbindung gebracht. Man denke an die Transfiguration, die Verklärung Christi, die von Raffael um 1520 erstmalig in einem Gemälde monumentalisiert wurde. Diese Verklärung soll sich nach biblischem Zeugnis auf einem Berg ereignet haben, auf den Jesus einige seiner Jünger geführt hatte: "Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht" (Matthäus 17,3). Zeller überträgt den Begriff der Verklärung auf seine nightscapes des profanen Berliner Stadtraumes. Verklärung bedeutet bei ihm der ästhetische Verwandlungsprozess einer zeitlich-rämlichen Situation, wie man sie normalerweise so nicht wahrnimmt. Durch die optischen und chemischen Möglichkeiten der Fotografie macht er Konstellationen von Licht- und Farbzonen im städtischen Raum sichtbar, die anders nicht zu erfassen wären – und nur von ihm in dieser Intensität verbildlicht werden.

Zellers Aufnahmen entstanden ausschließlich bei Nacht unter alleiniger Ausnutzung der vor Ort herrschenden Lichtverhältnisse (Laternen, Schaufenster, Autoscheinwerfer, Spiegelungen etc.) bei Belichtungszeiten bis zu einer Stunde. Die "Verdichtung von Zeit" (Zeller) ist ein wesentliches Anliegen und Prinzip seiner Werke. Wie deren Titel belegen, hat er das Netz der Straßen und Plätze des alten wie des neuen Berlin durchforstet. Eine Dokumentation dieser Orte leistet Zeller nicht. Zwischen Titel und fotografischer Situation entsteht vielmehr eine Spannung: Was imaginiert der Betrachter der Fotos, wenn ihm die Straßennamen und Gebäude durch den Kopf gehen? Was meint er aus den Arbeiten an Erinnertem herauslesen zu können?

Für Zeller blieben nach seiner intensiven Phase der Beschäftigung mit der Nachtfotografie, die 1997 zur Ausstellungspublikation "Berlin" führte, immer noch Fragen der Generierung fotografischer Bildräume offen, so dass er seine eigene Konzeption von Lichtbildnerei überdachte und damit eine neue Arbeitsphase einleitete, die zu stilistischen Änderungen führte. Entstanden bis 1997 meist panoramaartige Fotos mit weiten Fluchten und einer einheitlich großen Tiefenschärfe, die dem Betrachter den schnellen Einstieg in das Bild ermöglichte, so beschäftigt ihn nun das Phänomen des Bildraumes als Ort von Überlagerungen visueller Informationen – und somit die Vielschichtigkeit des Bildlichen selbst. Ihn interessiert die visuelle Kraft der Oberfläche eines Fotos mehr als deren Möglichkeiten, einen Tiefenraum zu fingieren. Er arbeitet an der Frage der Gleichschaltung von Raumebenen, an ihrer Übertragung auf die von ihm durch Konzeption und Imagination vorbereitete Oberfläche der Fotografie. Hatte er früher seine Fotografien eher "von der Schattenseite" her angelegt, so arbeitet er nun mehr "von der Lichtseite" her. Dies bedeutet einen Perspektivwechsel mit Folgen für den Bildcharakter seiner Fotografien. Das endgültige Foto steht für ihn am Ende eines Arbeitsprozesses, der eine behutsame Annäherung an das gewählte stadt- bzw. lichträumliche Motiv bedeutet. Fotografieren, Betrachten, wieder Fotografieren – mit Zellers Worten: "Wieder in die Nacht gehen"– : dies sind die zu vollziehenden Schritte. Bisweilen entstehen einzelne Fotografien, wie vorbereitende Skizzen, auch tagsüber.

Während Zeller fünf Jahre zuvor noch mit den Situationen an abgelegenen Orten gearbeitet hatte, geht er nun in Berlin vor zentral gelegene historische oder neue Bauten und Orte ( Reichstag, Pergamonmuseum, Alexanderplatz). Gleichwohl spürt er auch in Berlin-Mitte Unorte wie Haltestellen und Unterführungen auf, die in der Dunkelheit eigene Lichträume definieren. - Die nächtliche Stadt sucht Zeller nach den Spiegelungen von Räumen und Lichtern ab, die zur Überblendung architektonischer Motive führen: Die Spiegelungen, bisweilen für den Betrachter kaum erkennbar, werden durch Glas- bzw. Metallflächen (das lackierte Dach eines Autos) oder andere reflektierende Materialien und Gegenstände verursacht. Der komplexe, wegen der langen Belichtungszeit keineswegs einfach nachvollziehbare Blick der Kamera auf die dabei entstehenden lichträumlichen Konstellationen wird im Foto erst generiert und zum Bild.

Von der Lichtseite der Gegenstände her denkend, ist oftmals leuchtende bzw. Lichter brechende Architektur das Thema. Sie erscheint vielfach wie von Lichtspuren hinterlegt oder überlagert. Eine Glasscheibe kann zur Motivebene werden, auf welcher die Rücklichter fahrender Autos zu Lichtbahnen gerinnen. Die Auflösung des fotografischen Bildraumes in Vorder-, Mittel- und Hintergrund stellt eine eigene Herausforderung für den Betrachter dar. Auch hierin setzen sich die Arbeiten von Zellers früheren Nachtfotografien ab.

Bisweilen benötigt Zeller besonders günstige äußere Umstände, wie einen regennassen Boden, um zu seinen zeitintensiven Licht- und Bildreflexionen zu kommen. Bei manchen Fotos, die einen Gegenstand in einem partiell vielleicht sogar schmutzigen Glas erfassen, ergibt sich der Effekt von Interferenzen. Einzelne Lichtschlieren oder Spiegelungen bringen an anderer Stelle Motive ins Bild, die in Wirklichkeit im Rücken des Fotografen anzusiedeln sind. Zudem überlistet immer wieder das fotografische Auge Standpunkt und Perspektive des Künstlers. In einigen Fällen wird der Blickwinkel mittels des Shift-Objektivs der Kamera aus der Mittelachse herausgerückt, um die Spiegelung von Fotograf und Kamera zu vermeiden. Wichtige Faktoren für die Wirkung des Werkes sind Präsentation und Dimension der Fotografien. Sie werden rahmenlos hinter Acrylglas auf Aluminium im Diasec-Verfahren aufgezogen. Das Spiegeln des Acrylglases führt die bildinternen Spiegelungen „nach außen“ weiter. So kommt es zu einer von Zeller erwünschten Verschränkung mit dem Betrachterraum.

Vorschnelle Verweise auf die Malerei als Referenz für seine Arbeiten weist Zeller mit einem deutlichen "Es ist Fotografie!" von sich. Die Kategorie des Malerischen zielt nicht nur an seiner Arbeit, sondern generell an der Fotografie als Medium vorbei. Denn Malerei ist nach Zellers Meinung über die Anschaulichkeit hinaus immer noch Material und Objekt, was für die Fotografie nicht gilt. Dieses Medium entwickelt seine Materialität nur aus der imaginativen Ergänzung der Bilddaten durch den Betrachter: "Die Fotografie entsteht nur im Kopf des Betrachters, im Abgleich mit unserer Erinnerung, die für mich immer auch Teil der Fiktion ist" (Zeller). Mit der Filmentwicklung erst gewinnt Zeller das endgültige, ihm vorher unbekannte Bild einer nächtlichen Stadtszenerie, das nicht mit dem Blick durch das Objektiv der Kamera beim Verweilen vor dem Objekt identisch ist: "Ich sehe ja nicht, was ich fotografiere".
Indem Zeller die Licht- bzw. Farbwerte bei Nacht fotografisch fixiert, kann er die Künstlichkeit der Fotografie – als Lichtbildnerei - viel eher reflektieren, als mit Hilfe von Tageslichtaufnahmen. Das Printen auf Ilfochromepapier kommt seiner Intention der Speicherung und Steigerung künstlicher Farbwerte sehr entgegen.

Fotografie funktioniert nach Zellers Einschätzung nur in Abgleich mit unserem visuellen Gedächtnis. Dies ist auch der Grund dafür, dass er sich auf die Metropole Berlin konzentriert. Das Erinnerungsvermögen verlangt entsprechende Sujets, einen Genius Loci. Eigenschaften, die nicht jede Stadt zu bieten hat. Vielfach arbeitet Zeller, so scheint es, mit der "Aura", die jeder, der an diese Stadt Erinnerungen hat, also Bilder verbindet, auf eine mehr oder weniger bewusste Weise zu erfahren meint. Die opulenten Neubauprojekte, wie auch die historischen Stätten Berlins, sind von solchen Konnotationen gleichermaßen betroffen. Doch Zeller bricht und bereichert diese Aura der Vor-Urteile des Betrachters. Er setzt gegen sie die Aura seiner Fotografie, die Licht ins Dunkel der Stadt bringt. Die Verklärungsarbeit, die er mit seinen Nachtstücken leistet, verleiht der Stadt und ihren Räumen eine Vielfalt an Lichtern und Farben, die sich dem Auge des Betrachters ansonsten entzöge. Das besondere Movens der Fotokunst Martin Zellers findet sich in einem Zitat aus Goethes "Faust", das der Fotograf in einem Brief an den Verfasser nicht ohne Grund anführt: "Am farbigen Abglanz haben wir das Leben".

Auf unverwechselbare Art und Weise macht Martin Zeller den farbigen Abglanz der nächtlichen Stadt und ihrer Lichträume im fotografischen Bild sichtbar.

   
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